CLEMENS-SELS-MUSEUM in Neuss

                Rede von Paul Loskill 1980

Fürchten Sie nicht, dass ich Ihnen lästig fallen werde mit einer umfangreichen Rede, aber einige Worte, die als Hinweis auf den Menschen Will Hall und sein Werk dienen sollen, darf ich mir nach einer über 60jährigen Freundschaft doch zugestehen.

Für Will Hall musste alle Kunst Bezug auf den Menschen haben, so wie es die Geschichte des Menschen, von der ja auch die Geschichte der Kunst getragen wird, durch die Jahrtausende zeigt. Aus dem Menschen und seinem Erleben der Schöpfung kommt Kunst. Ist dies unmittelbare Erleben nicht mehr da, etwa verschüttet durch Zivilisationsansprüche oder verdrängt durch epigonenhafte Übernahme einer Formensprache, so bleibt nur eine sterile, bestenfalls schmückende Gestaltung. Dafür ist aus neuester Zeit die Schwemme abstrakter Kunst nach dem letzten Krieg, besonders in den fünfziger Jahren, ein gutes Beispiel.

Will Hall lehnte es ab, sich in irgendeinen „Ismus" einordnen zu lassen und zeigte für die Suche nach Bezugspunkten oder Bezugspersonen nur unerbittliche Rudesse. Ganz ablehnend war er auch für jede Rezeptkunst. Einer Gruppe mit Programm schloss er sich nie an, er wollte frei bleiben, in jeder Beziehung immer nur auf sich selbst gestellt. Er sah den geistigen Höhenflug des faustischen Menschen seiner Zeit, aber er schätzte auch wieder die Kraft der Kontemplation und er wusste, auch wenn der Geist in ein Verliess eingesperrt wird, eines Tages wird er wieder wehen, wann, wo und wohin er will.

Schon in jungen Jahren, es kann 1913 oder 1914 gewesen sein, machte er durch Herrn Geller, den bekannten Neusser Sammler moderner Malerei, die Bekanntschaft von Alfred Flechtheim, ein zu dieser Zeit schon tätiger Kunsthändler und Galerist in Düsseldorf. Flechtheim war geschult an französischer moderner Kunst und trat schon sehr früh für sie ein. Er hatte ein Gespür für junge schöpferische Begabungen und sah die auch in Will Halls frühen Arbeiten, ja, er meinte, Paris sei das Sprungbrett für einen jungen Maler und vor allen Dingen die „Peinture" mit ihrem kultivierten Gefühl für die „Valeurs", die Tonwerte, sei einmalig und eine gute Schule für ihn. Will Hall sagte sich: „Warum will er mich verändern, warum nimmt er mich nicht, so wie ich bin? Ich bin Will Hall und bleibe es!" Und so ist sein Werk eine Einheit geworden, trotz der Vielgestaltigkeit, die es hat. Lassen Sie sich nicht dadurch beirren, dass Sie in seinem Werk eben diese Vielgestaltigkeit finden, die Sie zu der Frage berechtigt, warum das, warum einmal seine von ihm so genannte „Absolute Malerei", eine vom Objekt unabhängige Gestaltung, wie etwa im „Reiterlied", ein andermal die naturalistisch sicher beherrschte, aber metaphorisch verwendete menschliche Gestalt.

Die Form einer künstlerischen Aussage, die Wahl dieser Form war für ihn wesentlich an den Inhalt gebunden. Ein Dialog, ein Gespräch, eine Diskussion etwa führte ihn fast unmittelbar zu seiner „Absoluten Malerei", also zur abstrakten Form, weil ihr geistiger Inhalt ihm dazu prädestiniert schien. Auch eine Wanderung durch die Landschaft drängte ihn dazu, indem er die Vielfalt dieses Erlebnisses, Sonne, Wolken, Wind Vogelstimmen, Begegnung mit Tieren, der Geruch gepflügter Erde, ein Gang durch den Wald usw. am besten komprimiert in einer abstrakten Form ausdrücken konnte. Dagegen im Kriege das Erlebnis Russland war für ihn sehr an die Erscheinung des russischen Menschen, seine Bewegungen, sein Tun, die Folklore und die Landschaft gebunden, dass er all' das in einer Gestaltung festhalten musste, die am besten diese Charakteristika zum Ausdruck brachte. Er schuf dafür eine Serie figürlicher Pastelle, von der manche sehr beeindruckt sind und die mit zu dem Besten zählen, was er an figürlichen Arbeiten geschaffen hat.

Sein ureigenstes Problem, seine innerste Angelegenheit von frühester Jugend an war und blieb durch sein ganzes Leben seine gegenstandslose „Absolute Malerei". Sie hat Entwicklungen und Wandlungen erfahren, aber eine Unterbrechung gab es nie. Allerdings gab es ein grolles Loch, das sich 1943 mit der Zerstörung durch die Bomben ergab, wodurch übrigens auch sein gesamtes, bis dahin entstandenes literarisches Werk verschwand. Es gibt nur noch spärliche Belege für diese grolle Schaffensperiode bis 1943, aber auch das Wenige zeigt einem Kenner die schöpferische Klaue. Ein roter Faden geht durch dieses Oeuvre, der Zeugnis gibt für eine Kontinuität, also Zeugnis für eine entwicklungsgerechte Fortsetzung bis zum Schluss. Es lässt sich nichts herausnehmen und nichts hinzufügen. Die Kunstgeschichte hätte nachzuholen, dass er, Will Hall, Bahnbrechendes für die Kunst geleistet hat und zwar 25 Jahre früher als diejenigen, denen man an seiner Stelle die Anerkennung gab, die ihm zukam. Zwei Linien also gehen durch sein Werk, die abstrakte und die gegenständliche. Man kann sagen, es ist ein Parallelismus, in dem beide gleichwertig nebeneinander herlaufen. Übrigens kein Einzelfall in der modernen Kunst: bei Picasso finden Sie das auch! Zum Schluss zitiere ich ein kleines Wort aus seinem literarischen Nachlass:

"Was du selber tust,

Ist nicht immer recht.

Was dir nicht gefällt,

Ist nicht immer schlecht.

Die Träume der Menschen,

Sind aile sie wahr?

Tapfer zu leben,

Um würdig zu sterben,

Wird als Weisheit der Grössten

Uns Strebenden klar." Will HALL

Paul Loskill, 1980

WILL HALL 1897 - 1974; Gemälde, Pastelle, Gouachen, Handzeichnungen; Clemens-Sels-Museum Neuss, 6. Okt. bis 10. Nov. 1991 , Text von Dr. Gisela Götte

photo Paul Loskill will hall Neuss Clemens Sels Museum 1980
photo Paul Loskill will hall Neuss Clemens Sels Museum 1980

Foto von Paul Loskill, Ausstellung Clemens-Sels-Museum, 1980