WILL HALL

Von Dr. Karl Schorn

Ein Neusser Maler – Menschentum und Künstlertum als notwendiges Wechselverhältnis

Neusser Künstler bei der Arbeit – 1934

Artikel Dr. Karl Schorn Will HALL 1934
Artikel Dr. Karl Schorn Will HALL 1934

Hall ist im Jahre 1897 geboren und verbrachte seine Jugend in Neuss, wo er die Städtische Oberschule besuchte. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er in Düsseldorf auf der Kunstgewerbeschule und auf der Kunstakademie. Den Krieg machte er im Westen und im Osten mit du war später noch als Baltikumkämpfer dabei. Seither hat er, wie notgedrungen noch andere Neusser Künstler, sein Atelier in Düsseldorf aufgeschlagen. Von grösseren Werken hier in der Nähe erwähnen wir die Ausmalung der Taufkapelle in Rosellen sowie die in Gemeinschaft mit Paul Loskill geschaffene, kurz vor der Vollendung stehende Kriegerehrung in Büttgen.

Hall ist einer der seltenen Künstler, deren Schaffen geniale Züge aufweist: Genialisch im Sinne von naturhafter Ursprünglichkeit und von unprogrammatischer schöpferischer Unmittelbarkeit. Hall ist keinem von den zahlreichen Kunst-ismen und modischen Tagestheorien verfallen, obwohl er auch im Theoretischen wie in der Geschichte der künstlerischen Dinge wohl beschlagen ist, und seinem eigenem Schaffen jederzeit mit hellwachen Erkenntnisorganen gegenüber steht. Solche innere schöpferische Weite hat ihn zugleich vor den Spezialistentum bewahrt; sei Schaffensumkreis hat etwas von der freien offenen Weite eines natürlichen Horizontes, innerhalb dessen alle Einzeldinge einen gemeinsamen Landschaftscharakter tragen. Dieses Gemeinsame, das wir im künstlerischen Schaffen des persönlichen Ausdrucksstil bezeichnen, finden wir bei Hall ausgeprägt. Diese eigene gestalterische Wesenshaltung geht durch sein gesamtes Werk durch und verleiht diesem eine innere Einheit und zyklisches Ineinanderkreisen . Hier liegt letzten Endes die Ursache, weshalb Halls Kunst allein im Fachlichen aus sich nicht einordnen lässt. Obwohl Hall viele religiöse Motive dargestellt hat, möchte man seine Kunst vom Stofflichen aus ebensowenig als religiöse Malerei abstempeln, wie man es als Genremaler, Landschaftsmaler, Stillebenmaler oder der gleichen fachlich einordnen könnte, obwohl er in allen diesen „Fächern“ starke Leistungen hervorgebracht hat. Dieses „Über-fachliche“ an Halls Kunst könnte man aufs deutlichste in der Hyperbel zum Ausdruck bringen, indem man sagt: Vor seinen Stilleben hat man den Eindruck, dass dieser Maler auch gute Landschaften zu malen verstehen muss; und vor einem seiner Porträts überkommt uns die Ahnung, dass dieser Künstler tiefgreifende religiöse Bildwerke zu schaffen weiss. Dieser Breite der künstlerischen Begabung entspricht die Vielseitigkeit seiner technischen Ausdrucksmittel, die von der Graphik Oelbild und Pastell bis zur Glasmalerei und zur Mosaikkomposition reichen.

Bei den Hallschen Kunstwerken hat man den Eindruck von lebendigen geistigen Organismen. Abgesehen vom Inhalt und stofflichem Motiv bleit da immer noch jene geheimnisvolle Ganzheit und Einheit schaffende Gestaltung von Farben und Formen, die in jedem wesentlichen Kunstwerk das eigentlich Künstlerische ausmacht. So wie uns eine grosse musikalische Komposition ergreift, ausrüttelt, erleuchtet, auch ohne dass wir von Inhaltsabsichten und stofflichen Motiven ihres Urhebers etwas wissen. Es ist die geheimnisvolle Wirkung, wie sie uns aus der runenhaften, von allem Stofflichen befreiten, abstrakten Ornamentalkunst des altgermanischen Nordens und der früh-irländischen Kultur anspricht.

Verstärkt wird dieser Eindruck des Organischen dadurch, dass Halls Malerei nicht im Zuständlichen haften bleibt, sondern Vorgänge, Werdeprozesse, schöpferische Ereignisse, die vom Chaos zum gestaltenden Kosmos führen, darstellt. So wird eine Tiergestalt als ursprünglicher Bewegungsvorgang erkannt, die Form eines Baumes als Wachstumsvorgang, eine Landschaft als Bauwerk kosmischer Kräfte, und aus einem Menschenantlitz werden die Rätsel metaphysischer Geschehnisse sichtbar.

So erblicken wir Menschentum und Künstlertum bei Hall als notwendiges Wechselverhältnis: Sein künstlerisch schaffendes Welterleben wird im Weltsinn, sein künstlerisches Schauen wird Weltanschauung, und was in den Bildern erfasst, begreift und gestaltet, das macht sein Weltbild aus.