NEUSS GREVENBROICHER ZEITUNG
Franz Xaver Füsser, 1932
Wenn wir den nunmehr 35jährigen zu den Neusser Künstlern rechnen, so hat das seine Berechtigung. Hall ist in Neuss aufgewachsen und hat den grössten Teil seines bisherigen Lebens hier verbracht. Vor allem hat sich ihn Neuss seine künstlerische Entwicklung vollzogen : hier hat seine schöpferische Phantasie die Schwingen aufgebreitet und das Fliegen gelernt.
Halls Temperament ist von fränkisch-westfälichen Blute gespeist. Auch dieser Umstand zeigt, dass sein Wesen in Neuss kein Fremdling sein kann. In Halls Art ist ein Gewisser siegtgewohnter Optimismus, die grosse Heiterkeit des Schaffenden. Aber hart daneben lagert eine Zähe Hartnäckigkeit, seltsam vermischt mit dunklem, irrationalem Weltgefühl. In die normale Schablone passt Will Hall ganz und gar nicht.
Insofern man den Drang der Kunst Idealismus nennen kann, war Hall, der Jüngling, vom Ideal geradezu ( besessen ). Mit unerhörter Energie hat er Tag für Tag um die Kunst gerungen. Kunst war ihm Lebenselement. Um der Kunst willen war er zu allen Entbehrungen bereit. Solchen feurigen Naturen kann es später nur all zuleicht passieren, dass das Pathos in Ironie umschlägt, dass sie von dem Frost der Weltverachtung geschüttelt werden. Es ist schwer, das Ideal mit der Wircklichkeit zu versöhnen. Aber darin zeigt sich gerade die starke Persönlichkeit, dass sie trotz allem eine positive Einstellung zum Leben behählt, nicht an der Wircklichkeit zerbrechen, sondern das Leben zwingen will. In Halls Lebensanschauung steht, bei aller leidenschaft für die Kunst, diese dennoch an der Peripherie, der Mensch und die « Menschwerdung » im Mittelpunkt.
Bis 1916 besuchte Hall die Düsseldorfer Kunstgewerbeschule unter Kreis . Bei Heugel-Siegen hat er das Handwerk der zeichnenden Anatomie studiert. Nachdem er den Weltkrieg mitgemacht hatte, war er kurze Zeit wieder in Neuss, dann bis 1925 Meisterschüler auf der Düsseldorfer Akademie .Aber im grossen und ganzen ist Hall im guten Sinne Autodidakt .Er blieb ein Eigener ging seine Wege.Wir haben im Neusser Museum und in der « Kunststube » von Zeit zu Zeit Gelegenheit gehabt, Proben seines Schaffens zu sehen. Hall kann alles. Er beherrscht die Landschaft und das Tierstück, er malt meisterliche Porträts. Seine eigentliche Domaine ist der Mensch als kosmisches Individium. Er betrachtet gerne das Dämonische, die phantastische Unterwelt. Dann aber umgreift seine Phantasie die religiösen Gestalten und er versucht sich an den grossen Problemen.
Hall will ganz aus niederdeutschem, nordischem Empfinden heraus schaffen, weil auf diesem Wege ein besonderer Ausdruck und Bereicherungsmöglichkeiten zu finden sind. Das romanische Formgefühl ist eben doch nicht das unsrige. Aber unser Künstler sucht eine Synthese. Er will nicht « formlos » bleiben, ist sogar empfindlich darauf bedacht, dass auch seine « absolute Malerei » - von der wir gleich noch sprechen werden – geradezu einen dekorativen Ausdruck bekommt, bei aller schöpferischen Phantastik. Im Besonderen erstrebt er in seiner religiösen Kunst die solcher Sphäre zukommende Höhe von der niederdeutsch-nordischen Erde aus zu erreichen.
Pastell und Oelmalerei sind die beiden Techniken, in denen er vorzugsweise arbeitet. Wir deuteten schon an, dass er mit Leichtigkeit das Schwierige bewâltigte. Seine Fähigkeit, in die Motive einzudringen, ist verblüffend. Und daher kommt es vielleicht auch, dass er dann plötzlich das Bekannte links liegen lässt und sich dem ganz Abstrakten zuwendet. So und dann ist er Anhänger der « absoluten Malerei ». Da sitzt er wohl an der « Kunstmaschine » und dreht an den Schräubchen und experimentiert und probiert, bis endlich so ein Wunderwerk entstanden ist. Und wie man sich auch zu dieser Gestaltungsart stellen möge man kann nicht leugnen, dass Halls absolute Malereien oft etwas den « Gegenständen » losgelösten Farben und Formen echte und rechte Symphonien hervorzaubern können ? Die Frage ist ja nur die, ob diese Kunst berufen sei, die andere Kunst zu ersetzen. Jedenfalls sehen wir lieber eine absolute Malerei von Hall als eine von Klee oder Kandinski. Hall versteht es nämlich « Schönheit » in solche Bilder zu bringen, oder, wie wir es vorher nannten : dekorativen Ausdruck.
Bereits jetzt kann man von Halls « Werk » sprechen. Sein Schaffen weist fast für jedes Jahr einen Höhepunkt auf. Trotzdem betrachtet der Künstler das Geschaffene mit Gelassenheit. Er sieht im Bisherigen so eine Art Manöverübung, deren Früchte reifen sollen, wenn ihm grosse Aufgaben winken. In der Tat hat er gelegentlich Bilder gemalt, die über den Rahmen des von ihm Bekannten hinausragen. Ein Glanzstück dieser Art ist « Die Welt der Edda » (der Mythos). Dieser grosse Karton zeigt in starken Farbenakkorden eine düstere, kraftstrotzende, heroische Welt. Wir wüssten dem monumentalen Werk nichts anderes zur Seite zu stellen als die dröhnende « Sonne » von Munch, die für die Universität Oslo bestimmt war. Dabei muss man Halls Bild als absolute Malerei bezeichnen. Aber hier eignet sich die Gestaltungsart vortrefflich zum Motiv.
Wir sagten, dass Hall sich auch der religiösen Malerei zugewendet hat. In der kürzlich beendigten Düsseldorfer Ausstellung « Junge religiöse Kunst » sah man einen grossen Entwurf zu einer « hl. Dreifaltigkeit » von ihm. Dass sich der Künstler hier an eine der schwierigsten Aufgaben herangemacht hat, leuchtet unmittelbar ein. Und da muss man sagen, dass er eine sehr eindrucksvolle Lösung geschaffen hat. Es wäre zu wünschen, dass diese Darstellung ihre Wirkung in grossräumlichen Zusammenhang aufweisen könnte. Dann käme das Gewaltigen und Dramatische des Bildes noch mehr zur Geltung. Hall hat hier, wie auch in seinen anderen religiösen Bildern, erfreulicherweise vermieden, was störend wirkt : die Vergewaltigung der Natur, die oft so weit geht, dass man von Abnormitäten sprechen kann. Hall hat nicht mit der Tradition gebrochen, sondern ewige Bilder neu geformt. Das entspricht ganz dem Sinn einer vernüftigen Neubelebung der religösen Kunst. Gleiches kann man sagen von Halls Entwürfen zu einem neuartigen « Kreuzweg ». Die einzelnen Stationen zeigen das psychologische Moment des jeweiligen Vorgangs. Es sind nur zwei bis drei Köpfe gegeben, diese aber in prägnantester Bildlichkeit. Und was die Art und Weise der Gestaltung betrifft, so kann man sie direkt volkstümlich nennen. Ferner hat Hall Entwürfe für Glasmalerei geschaffen : « Hl. Elisabeth », « St. Antonius », ein « Stabat mater » und andere hierher gehörige Arbeiten, deren Aufzâhlung zu weit führen würde.
Die Geschichte der Kunst erzählt manche Beispiele von Künstlern, deren Grösse erst offenbar wurde, nachdem sie geeignete grosszügige Aufträge bekamen. Im besonderen die Fähigkeit zur monumentalen Malerei kann sich erst bewähren vor positiven Aufgaben. Aus diesem Grunde möchte man Will Hall gönnen, dass die Möglichkeiten, die in seiner Persönlichkeit beschlossen sind, sich zu Wirklichkeiten verdichten – dass es nicht an Liebhabern fehle, die sich solcher Kunst verbunden fühlen, und die geneigt sind, dies durch die Tat zu dokumentieren.
Franz Xaver Füsser





