Die Schülerin erinnert sich
von Katharina Krieger, September 1991
War es Schicksal, Fügung — wie soll ich's nennen — die erste Begegnung mit meinem Lehrer Will Hall? Ein kleines Aquarell, von mir gemalt, ein Bild der HI. Cäcilia als Namenstagsgeschenk an Cäcilie Conen, einer Mitsängerin im Chor der Josefskirche, war der Ausgangspunkt. Frau Conen, begeistert von meiner Arbeit, schlug mir eine Weiterbildung vor. Dies entsprach meinem eigenen Wunsch, da ich seit längerem nach einer Privatschule suchte.
Man empfahl mir einen Freund der Familie Conen, der wöchentlich auf der Venloer Straße zu Gast war, einen Düsseldorfer Maler, Meisterschüler der Akademie, Will Hall. Hall erklärte sich einverstanden, daß ich mich mit einigen Arbeiten vorstellte.
Und so kam es bald zum Termin meines ersten Unterrichts im Düsseldorfer Atelier bei Will Hall, natürlich an der Hand des Vaters, der sich von dem neuen Studienort seiner Jüngsten überzeugen mußte. In großer Erwartung betrat ich das Atelier auf der Schützenstraße und war vom ersten Anblick überwältigt: Überlebensgroße Kohlezeichnungen mit biblischen Szenen waren an einer riesigen Holzwand, die das Atelier in Wohn- und Abstellraum teilte, angeheftet. Sie sind mir unvergeßlich geblieben. Hinter dieser Wand ruhte gestapelt ein dreißigjähriges Werk, das 1943 im Kriege ein Opfer der Brandbomben werden sollte, wie auch das neugemietete Atelier mit Arbeiten aus zehn Jahren von mir.
Auch die Gerüche damals im Hall'schen Atelier habe ich noch in lebhafter Erinnerung. Sie waren ein Gemisch von schwelender Kohle aus dem riesigen Ofen, von Terpentin, Zigarrenasche und einigem Undefinierbarem. Für meine feierlich gestimmten Sinne aber war es, als betrete ich einen alten Kirchenraum, der meist nach Weihrauch und Schimmel riecht.
Der Meister war eine starke Persönlichkeit und flößte in Erscheinung und Stimme einen gewaltigen Respekt ein, so daß ich lange Zeit kein Wort zu sprechen wagte.
Als Lehrer tolerant, jedoch streng, ganz auf Veranlagung und Talent der Schüler eingehend und nur auf das Handwerk weisend, beauftragte Hall schon bald die Anfängerin mit kaum zu bewältigenden Aufgaben, mit Themendarstellungen aus der klassischen Literatur, z. B. der Odyssee, oder aus dem Alten Testament, mit Kompositionen in Wandbildgröße, daß mir bange wurde. Will Hall duldete aber keine Minderwertigkeitsgefühle, er erwartete viel, tadelte und lobte nur dann, wenn es ihm angebracht schien. Er war ein Lehrer durch und durch, Lehrender bis kurz vor seinem Tode.
Ich erinnere mich: Es war eine Woche vor seinem Sterben, daß der Schwerkranke mühsam von seinem Lager aufstand, um noch die Arbeiten seiner letzten Privatschüler zu korrigieren. Er war auch immer an den künstlerischen Produkten begabter Kollegen interessiert, wenngleich er sie bisweilen mit scharfer Kritik bedachte.
Kritisches Denken und Konsequenz zeichneten seine Natur aus. Er war ein Einzelgänger, der sich von allen Künstlergruppierungen, auch vom Mutter-Ey-Kreis, zurückhielt. Diese Konsequenz kostete ihn allerdings den Erfolg, der ihm als einer der wenigen frühen abstrakten Maler in Deutschland zugestanden hätte. Das Beispiel Flechtheim: Der junge Düsseldorfer Galerist Alfred Flechtheim, ein großer Sammler der damaligen Moderne, wollte Hall herausbringen unter der Bedingung, daß dieser für ihn ausschließlich abstrakte Werke malte. Diesem Wunsch nachzukommen, war Will Hall unmöglich, er wollte sich nicht derart an einen Galeristen binden. Mit seiner prompten Absage fällte er bedauerlicherweise sein Urteil selbst. Denn damals - wie auch später - hatte er immer nur das Nötigste zum Leben.
Ich erinnere mich ebenso an den Besuch einer Kunsthändlerin in Unterbach, Ende des Krieges, als wir hungerten. Ein Auto, bepackt mit selten gewordenen Lebensmitteln, stand vor der Tür, die zum Tausch gegen Bilder bestimmt waren. Ein absolutes „Nein, nicht mit uns" vertrieb die Händlerin bald. Doch mir, der Hausfrau, entrang sich ein leises Bedauern, wieder den Topf mit Wasser auf's Feuer zu stellen in der Hoffnung auf das Wunder einer kräftigen Suppe. Nein, Will Hall war kein leichter Partner, wohl aber und vielleicht trotzdem ein lohnender! Ein Erzieher jedenfalls - zu diesem Thema noch ein heiterer Abschluß:
In alten Zeiten lernten die Schüler bei ihren Meistern zunächst einmal Farben reiben und die Leinwand präparieren, bevor sie weitere Vorarbeiten am Werk des Lehrers vornehmen durften, - vieles, was in unserer Zeit überflüssig wurde. Dafür durften wir, eine Mitschülerin und ich, aus „erzieherischen Gründen", wie Hall es nannte, für unseren Meister Dinge erledigen, die ihm lästig waren, wie z. B. die Kaffeemühle drehen oder das Einkaufen von billiger Blutwurst und Zigarillos, die ihm nicht ausgingen. Diese Verrichtungen erschienen uns Mädchen mindestens so ehrenhaft wie den Lehrlingen der alten Meister das Farbenreiben.
Käte Hall-Krieger, im September 1991
WILL HALL 1897 - 1974; Gemälde, Pastelle, Gouachen, Handzeichnungen; Clemens-Sels-Museum Neuss, 6. Okt. bis 10. Nov. 1991 , Text von Dr. Gisela Götte
Selbstbildnis Katharina Hall Krieger, Öl / Lwd, 1976

